Der Hype und der Müll

Die Sache mit der Tonbandkassette

Wenn die Musik gerade nicht persönlich anwesend sein kann (wegen der Seuche vom Dienst oder anderem Mist), lässt sie sich auch als Konserve kaufen. Die jüngsten Zuwächse in meinem Regal sind die Alben „McCartney III“ von Paul McCartney und „Evermore“ von Taylor Swift. Warum gerade diese beiden? Der Uralt-
Beatle und die zum Folk-Pop konvertierte Ex-Country-Queen haben eines gemeinsam: Es gibt ihre aktuellen Werke auch auf Kassette.

Jahrelang haben die Fortschritts-Fuzzis von der Tonbandkassette behauptet, sie sei „tot“. Aber das sagten sie ja auch von der Schallplatte, als die CD erfunden wurde. Dann wurde die CD vom mp3-Download überholt und der Download vom Streaming. Und jetzt (Stand erstes Halbjahr 2020) hat der Verkauf von Vinylplatten der US-Musikindustrie einen um 100 Millionen Dollar höheren Gewinn beschert als alle CDs.

So ähnlich hatte ich das seit Jahren auch für die Kassette erwartet. Der Hype von heute ist der Müll von morgen, dachte ich mir, habe mich weder um Download- noch um Streamingportale gekümmert, habe alle meine Kassetten behalten und hatte keinerlei Stress mit Neukauf, Transferieren, Digitalisieren, Abonnieren, Hysterisieren. Und vor vier Jahren begann der Wind sich zu drehen: Da verdreifachte sich auf Flohmärkten der Preis für originalverpackte Leerkassetten. Vor zwei Jahren meldete dann die französische Firma Mulann (letzter Kassetten-Hersteller Europas) Rekord-Erlöse. Wenn sich alles entmaterialisiere, sei es den Menschen wichtig, Objekte zu besitzen, sagt Mulann-Chef Jean-Luc Renou. „Wenn man Musik auf Spotify hört, zappt man schnell weiter. Mit einer Kassette hört man das ganze Album.“ Das sei wie beim Heizen: „Ein Kaminfeuer macht einfach mehr Spaß.“

Auch ich könnte jetzt zu begründen versuchen, was ich an diesem sympathischen Medium so schätze. Dass es genau die richtige Menge an Musik enthält, um einen weder zu langweilen noch zu überfordern. Dass es nicht in den Tiefen von Tasche oder Schublade verlorengeht wie diese mickrigen Speichersticks. Dass es überhaupt vorhanden ist, statt als Audiodatei im metaphysischen Nichts zu schweben. Dass es sich im Auto mit einer Hand ergreifen, öffnen, einlegen, starten und umdrehen lässt, ohne dass der Fahrer den Blick von der Straße zu nehmen braucht. Versuchen Sie mal, bei 100 Sachen so ein filigranes USB-Dings ins Radio zu stöpseln – oder, nee, lassen Sie’s besser; es gefährdet Menschenleben.

Ach, man braucht gar keine USB-Sticks mehr, sondern kann inzwischen die Playlist per Bluetooth vom Smartphone auf den Bordcomputer transmitten oder wie das heißt? Sowas aber auch. Stimmt, das könnte ich tun. Zumindest, wenn ich ein Auto mit Bordcomputer hätte. Oder ein Smartphone.

Ich könnte aber auch einfach sagen: So lange etwas noch funktioniert – warum soll ich es wegschmeißen? Manche meiner Kassetten sind ein Dritteljahrhundert alt und klingen immer noch kristallklar. Wird es hingegen Spotify im Jahre 2054 noch geben? Ich zweifle dran. Denn bald werden die Lemminge des Fortschritts wieder in ihrem Hamsterrad fortschreiten und vielleicht die Streamingportale durch quantengesteuerte Projektion ins Hirn ersetzen oder so.

Sollen sie. Mich beeindruckt das nicht. Dass Technik irgendwen beeindruckt, glauben nur 16-jährige Jungs aller Altersstufen. Nicht die Streaming Natives verstört es, mein Kassettenradio zu sehen. Die mir bekannten Subdreißiger sind allesamt nett, unaffektiert – und viel technikkritischer, als die Überfünfziger glauben. Einer von ihnen ist gar ein passionierter Vinylfreund.

Viel eher sind es diese berufsjugend-
lichen Profilneurotiker, die sich und ihresgleichen einreden, Desinteresse am neuesten Schnickschnack sei ähnlich bäh wie Haarausfall oder Impotenz. Etwa der Digitalisierungs-Dino, dessen Texte seit Jahren auf folgende zwei Sätze hinauslaufen: „1. Kein einziger wichtiger Mensch in diesem Land hat Ahnung vom Internet. 2. Außer mir,
natürlich.“ Falls er das wirklich glaubt: Soll er. „Wenn ein Typ Scheiße labert, hat er’s nicht besser verdient“ – so sang Taylor Swift auf ihrem Album „Reputation“ von 2017. Gab’s natürlich auch auf Kassette.

Unterm Strich: Ein persönlicher Blick von GA-Autoren auf Haupt- und Nebensachen, Wichtiges und Kurioses.