Nichts oder doppelt Nichts?

An dieser Stelle werden regelmäßig existenzielle Themen diskutiert, Krieg und Frieden, Sinn und Dasein. So auch diesmal: Sind die Menschen – entgegen allen Beteuerungen – unfähig, ohne Konflikt und Gewalt zu existieren? Oder sind Zank, Hader und Konfrontation schlicht Teil der menschlichen Natur? Man muss kein Menschenfeind sein, um es so zu sehen. Wo Menschen sind, wird gestritten. Mein Land oder dein Land? Die Erde eine Kugel oder flach? Kuh- oder Sojamilch im Caffé latte? Schon ein Feingeist wie Friedrich Schiller setzte die Kabale vor die Liebe, weniger Feingeistige ersetzten dann auch noch Liebe durch Hiebe. Und bei Shakespeare sind am Ende eh alle tot.

Natürlich beteuern alle immer mit treuherzigem Augenaufschlag, dass sie nichts anderes im Sinn haben als Frieden und Harmonie, in der großen Politik und im Kleingartenverein. Aber die Realität sieht anders aus, im Kleingartenverein und in der großen Politik sowieso.

Selbst wenn es um das Nichts geht, stehen sich die Fronten unversöhnlich gegenüber, über Jahre und Jahrzehnte. In der Frage zum Beispiel, ob zwischen zwei Sätzen ein Leerschritt stehen muss oder ob zwei Leerschritte die richtige Lösung sind. Also einmal Nichts oder zweimal Nichts, typografisch gesehen.

Wer jetzt denkt, blöde Frage, ein Leerschritt, ist doch klar, hat von der Diskussion der One-Spacer mit den Two-Spacern nichts mitbekommen. Der dem Thema gewidmete lange Beitrag in Wikipedia jedenfalls zitiert den Experten James Felici, Autor des Complete Manual of Typography, mit den Worten, die Debatte um Leerschritte zwischen Sätzen wolle einfach nicht enden: „In all den Jahren, in denen ich über Typografie schreibe, ist es immer noch die Frage, die ich am häufigsten höre.“ Das Thema werde in weiten Kreisen diskutiert. Besagter Wikipedia-Artikel hat übrigens Fußnoten und Literaturliste wie eine Abhandlung über Atomphysik.

Wie so oft in den wirklich wichtigen Fragen, führen One-Spacer wie Two-Spacer schlagende Begründungen ins Feld. Ein Leerschritt reiche völlig aus, um dem Leser eines Textes zu signalisieren, dass nach dem Ende eines Satzes ein neuer Satz beginnt, argumentieren die One-Spacer. Durch zwei Leerschritte entstünden zudem im Schriftbild einer Zeile hässliche Lücken, die, mit Blick auf die ganze Buch- oder Bildschirmseite, zu wahren Schluchten anwachsen können.

Aber nein, entgegnen die Two-Spacer: Nur mit zwei Leerschritten sei unmissverständlich klar zu machen, wo ein Satz endet und ein neuer beginnt. Zudem werde einer Verwechslung von Punkt und Komma vorgebeugt. Der Leser werde durch zwei Leerschritte zudem angeregt, eine Pause einzulegen, das soeben Gelesene wirken zu lassen, bevor er den nächsten Satz in Angriff nimmt. Überdies lasse sich durch die deutlichere Trennung zwischen den Sätzen die Lesegeschwindigkeit steigern.

Um die Dinge noch komplizierter zu machen: In der Geschichte gedruckter Texte sind auch Beispiele zu finden, in denen Satz von Satz mit anderthalb Leerschritten getrennt wurde oder mit dreien. Wer der Kontroverse noch eine Prise nationalistisches Gift zugeben will: Die One-Spacer folgen der französischen Schule der Typografie, die Two-Spacer der Angelsächsischen.

Erkenntnisse der Wissenschaft helfen bedauerlicherweise nicht weiter, den Streit beizulegen, auch wenn die Teilnehmer einer US-Studie Texte mit zwei Leerschritten um drei Prozent schneller lesen konnten, pro Leseminute immerhin neun Wörter zusätzlich. Aber selbst wenn es eindeutige Belege gäbe: Vor allem in den USA ist bekanntlich eine nicht unbeträchtliche Zahl von Flat-Earthers genannten Zeitgenossen trotz glaubhafter gegenteiliger Erkenntnisse ja immer noch fest überzeugt, die Erde sei eben doch eine Scheibe.

Im Rückschluss auf die Harmonie- und Friedensfähigkeit von Homo sapiens kann der Konflikt zwischen One-Spacern und Two-Spacern den Beobachter nur zutiefst pessimistisch zurücklassen. Einer Spezies, die sich so ausdauernd über die Frage streiten kann, ob zwischen zwei Sätzen Nichts oder zweimal Nichts stehen muss, der ist wohl wirklich nicht mehr zu helfen.

Unterm Strich: Ein persönlicher Blick von GA-Autoren auf Haupt- und Nebensachen, Wichtiges und Kurioses.