„Wir haben Vertrauen verspielt“
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Seit Monaten unter Beschuss wegen Vertuschungsvorwürfen: Der Kölner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki.    

Der Kölner Erzbischof Woelki verspricht im Interview Aufklärung im Missbrauchsskandal

von Raimund Neuß

KÖLN. | Der Kölner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki hat Fehler bei der Aufarbeitung des kirchlichen Umgangs mit Fällen sexualisierter Gewalt an Kindern eingeräumt, zugleich aber seinen Aufklärungswillen bekräftigt. „Wir klären auf, ich stehe zu meinem Versprechen“, sagte er dieser Zeitung in einem Interview. Es gehe darum, das Unrecht, das über Jahre und Jahrzehnte in der Kirche existiert habe, aufzuklären. „Ich tue das für die Betroffenen, damit sie ein Stück Gerechtigkeit erfahren. Meine Person interessiert da nicht“, betonte Woelki angesichts der Kritik an seiner Person.

„Wir stehen kurz vor der Aufklärung“, sagte der Erzbischof: „Wir haben Fehler gemacht, wir haben Vertrauen verspielt, ich verstehe die Ungeduld.“ Dennoch könne er nur um Geduld bis zum 18. März bitten, dem Tag, an dem der Kölner Strafrechtler Björn Gercke ein vom Erzbistum in Auftrag gegebenes Gutachten zum Umgang mit Missbrauchsfällen vorlegen soll. Dies werde auch „nicht der Endpunkt, sondern der Ausgangspunkt für weitere Aufklärung sein“.

Das Erzbistum hatte zunächst mit Westphal Spilker Wastl (WSW) in München eine andere Kanzlei beauftragt. Wegen rechtlicher Bedenken hatte es jedoch entschieden, deren Gutachten nicht zu veröffentlichen. Woelki sagte, er kenne das WSW-Gutachten nach wie vor nicht. Vom Erzbistum hinzugezogene Fachleute sähen darin aber „schwere methodische Mängel und Verstöße gegen Persönlichkeits- und Äußerungsrechte“. Gercke habe anders als WSW alle handschriftlichen Notizen gesichtet. Er habe 236 Fälle identifiziert und bearbeitet – das sind weitaus mehr Vorgänge, als sie in einer 2018 von der Deutschen Bischofskonferenz vorgelegten Studie für das Erzbistum Köln ausgewiesen wurden. Die Kanzlei WSW habe nur 15 Fälle betrachtet.

Woelki: „Gerckes Gutachten wird handwerklich sauber sein und es möglich machen, mein Versprechen einzulösen: Wir werden Namen von Verantwortlichen nennen.“ Er stehe bei den Betroffenen im Wort, so der Kardinal. Als Fehler bezeichnete Woelki es, das man immer wieder den WSW-Zusagen vertraut habe, eine rechtssichere Aufarbeitung vorzulegen. Fehler habe man auch im Umgang mit Journalisten und dem Betroffenenbeirat gemacht. Woelki sagte, er erwarte, „dass jeder, der in diesem Erzbistum eine Verantwortung getragen hat, sich dazu bekennt“. Er selbst werde das auch tun.

Die Kritik an der Missbrauchsaufarbeitung im Erzbistum Köln reißt derweil nicht ab. Die Vizepräsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Claudia Lücking-Michel, forderte Woelki auf, das zurückgehaltene WSW-Gutachten sofort zu veröffentlichen. In der aktuellen Vertrauenskrise helfe nur noch "völlige Transparenz und Übernahme von Verantwortung" und kein "Verstecken hinter Gutachten und Gegengutachten", sagte die Theologin und CDU-Politikerin.

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