Draußen ist das neue Drinnen
Von Sylvia Binner

Spazierengehen ist der Zeitvertreib der Stunde. Ob im Park, durch den Wald oder über die Felder. Er geht, sie geht, alle gehen. Allein, zu zweit oder zu dritt. Was soll man auch sonst machen in dieser Zeit, in der so vieles nicht gestattet ist? Kaum ein Sport, kein Besuch im Café oder im Restaurant. Spazierengehen entspannt, macht den Kopf frei und hält fit. Also nichts wie raus.

„Jahrtausendelang war das Gehen in der Landschaft das wichtigste Fortbewegungsmittel des Menschen“, schreibt Christian Sauer, der sonst Kreative berät, in seinem Buch „Draußen gehen“. Und in der Pandemie kommt das Flanieren zu neuen Ehren. Längst ist jeder Schleichweg in der näheren Umgebung erkundet, jede Parkbank zur Probe gesessen. Mit corona-konformem Sicherheitabstand zwischen den Plaudernden. Gelegentlich auch mit einem mitgebrachten Heißgetränk dazwischen. Kein Wunder, dass die „Süddeutsche Zeitung“ die Thermoskanne zum neuen It-Piece erklärt. Quasi der Mittelpunkt des aerosolfreien Zusammentreffens. Egal, ob Kaffee oder der inzwischen landesweit wieder legalisierte Glühwein darin dampft. Übrigens eine Erfindung des Brandenburgischen Glastechnikers Reinhold Burger, der 1903 sein doppelwandiges Glasgefäß eigentlich für eiskalte verflüssigte Luft austüftelte und quasi als Nebennutzen der Urform des Coffee to go Beine machte.

Bereits schlappe 2300 Jahre zuvor hatte der griechische Arzt Hypokrates das Gehen zur besten Medizin überhaupt erklärt. Es hält den Blutdruck im Zaum, das Herz gesund und die Cholesterinwerte im Lot. Das einzige, das leidet, sind die schlammigen Waldwege und die Schuhsohlen. Mehr Abrieb durch erhöhte Spazier-Frequenz. Am Ende eine Marginalie. Also nix wie raus. Draußen ist das neue Drinnen.