Das Es und das Wir
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Mensch und Gesellschaften sind in der Klemme: Unterwegs in Midtown New York – natürlich mit Maske XX

Ein Jahr Pandemie liegt hinter uns. Was kommt, ist weiter ungewiss – trotz manch zuversichtlicher Prognose. Schauen wir also stattdessen zurück. Was haben wir aus der Sache gelernt? Wenig. Und wenn, dann nichts Schönes

Von Wolfgang Pichler

Das Dumme an Welt­geschichte ist, dass sie so viele Fragen aufwirft. Aber manchmal beantwortet sie diese Fragen irgendwann selbst. Etwa, ob es geholfen hätte, wenn Papst Pius XII. seine Stimme gegen das Morden im Zweiten Weltkrieg erhoben hätte. Sechs Jahrzehnte später hat Johannes Paul II. das beim Irakkrieg tatsächlich versucht. Ergebnis: null. (Nein, die Kriege lassen sich nicht vergleichen. Die Ignorierung des Mahners schon.)

Was das mit der Corona-Pandemie zu tun hat? Auch sie ist so eine verspätete Antwort. Was wurde jahrzehntelang gefragt, warum dem Menschen das Chaos egal ist, das er so anrichtet. Vielleicht, weil es immer so weit weg ist? Artensterben: „nur“ im Regenwald. Ausbeutung am Textilmarkt: „nur“ in Bangladesh. Klimawandel: „erst“ in 50 Jahren. Würde der Mensch die Folgen seines Handelns direkt er­leben, am eigenen Leib – dann käme er bestimmt zur Vernunft, oder?

Antwort der Geschichte: Nö.

Vor 365 Tagen erschien im GA die erste Notiz (22 Zeilen) über „die Ausbreitung einer unbekannten Lungenkrankheit in Wuhan“. Über das Virus haben wir seitdem viel gelernt. Über den Menschen noch mehr. Und darüber, wie Es auf das Wir wirkt – oder auch nicht.

Unsere erste Reaktion: Wir schoben’s auf den Planeten und nannten es „Naturkatastrophe“. Aber Natur­katastrophen sind unverhütbar. Pandemien nicht (siehe Seite 3). Wir fangen uns Erreger ein, weil wir (zum Beispiel) die Fledermäuse nicht in Ruhe lassen. Wir schaffen es nicht, Erreger einzudämmen, weil wir unsere Sicherungssysteme weggespart und warnende Stimmen ignoriert haben. Wir verbreiten sie, weil wir um den Globus rasen wie hyperaktive Zugvögel und ohne Abtanzen und Massengesaufe nicht sein können. Wir merken, dass das unser (oder anderer) Leben kosten könnte? Es ändert sich – nichts.

Zweite Reaktion: Die üblichen Hopser der Spaßgesellschaft. Heitere Filmchen und Liedchen im Internet. Warn-App fürs Smartphone, Konzerte auf Zoom. Patriotisches Eilen zur Maskennähmaschinenfront. Billige Klatsch-Rituale. Inzwischen ist die App verpufft, jedes Liedchen verstummt, in die Kultur Tristesse eingezogen (siehe Seite 6). Und wurde den Beklatschten zum Dank die Arbeit erleichtert? Nö.

Dritte Reaktion: „Deutschland macht alles besser.“ Dazu zwei Zahlen vom Mittwoch. Corona-Tote in Italien: 548. In Deutschland: 1078.

Viele Infizierte bleiben glück­licherweise symptomlos, viele Symptome verlaufen milde. Verglichen mit Pest und Cholera ist Corona nur ein leichter Stich aus der Folterkammer der Natur. Doch wenn er eine Gesellschaft von 83 Millionen Menschen (69,5 davon nominell erwachsen) so durcheinanderbringt – was soll dann erst passieren, wenn eine richtig fiese Pandemie hereinbricht (siehe Seite 7)? Corona „ist“ nämlich nicht per se die Krise. Es macht nur sichtbar, wo es kriselt. Bei ganz vielen Themen hierzulande.

Bildungskrise. Auch Kinder verbreiten das Virus. Warum also mussten die Schulen auf Biegen und Brechen geöffnet bleiben? Weil der vielgerühmte Tele-Unterricht kaum funktioniert, und weil viele Schulen trotz höchsten Einsatzes vieler Lehrer in Wahrheit wohl hauptsächlich eines sind: schlecht ausgerüstete Kinderverwahranstalten.

Verwaltungskrise. Eine nationale Sache auf Tod und Leben. Wer ist zuständig? Das kommunale Gesundheits­amt! So ähnlich, wie wenn beim Einmarsch der Russen das Ordnungsamt kontrollieren soll, wie die Panzer geparkt sind.

Föderalismuskrise. Dass Corona gefährlich ist, und was wir dagegen tun müssen – brauchen wir wirklich 17 Instanzen, um das zu klären? Hilft es wirklich, wenn in der Nordhälfte des Dorfes Opperzau (NRW) andere Corona-Regeln gelten als in der Südhälfte (Rheinland-Pfalz)? Der Föderalismus habe „sich bewährt“, sagen die 17 Instanzen. Nein, hat er nicht.

Staatsbürgerkrise. Leute mit Reichsflagge geben sich als Retter des Grundgesetzes. Wegen Artikel 2, Absatz 1. „Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit!“, brüllen sie und lassen still die Fortsetzung weg („… soweit er nicht die Rechte anderer verletzt“). Von Absatz 2 („Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit“) ganz zu schweigen.

Wahrnehmungskrise. Stell dir vor, tausend Leute sterben, und keinen interessiert’s. Im Dezember fraß Corona bei uns durchschnittlich 551 Menschen. Pro Tag. 50 Mal der Terror vom Weihnachtsmarkt in Berlin. Gäbe es täglich 50 islamistische Attentate – so mancher stürmte mit Brandfackeln zur nächsten Moschee. Was kam, als die zweite Welle anrollte? Der Wasch-mir-den-Pelz-aber-mach-mich-nicht-nass-Lockdown des November.

Ach, das lässt sich nicht vergleichen? Gegenfrage: Sind die Opfer von Gewalt wichtiger als die eines Virus? „Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass unsere Reaktionen auf solche Unglücke im Vergleich zu unseren Reaktionen auf die jetzigen Sterbezahlen eine deutliche Schieflage aufweisen“, schreibt der Physiker Markus Pössel. „Die Diskussion schien so sehr von Lockerungs-Lobbies dominiert, dass ich mich fragte, ob die Beteiligten die Pandemie noch als das sahen, was sie ist: eine für viele Menschen potenziell tödliche Krise, die es so gut wie möglich zu vermeiden gilt.“

Eigenverantwortungskrise. Kleinkinder jeden Lebensalters kennen den Trick: Wenn Mutti mir was verbietet, frag‘ ich eben Papa. Oder Oma. Irgendwo wird schon einer sein, der es mir erlaubt. Die Auswahl ist groß. 16 Ministerpräsidenten, eine Flut von Talkshows, asozialer Hetzwerke und Alternativ-„Experten“ dubioser Fachrichtungen. Man soll es nicht tun? Man darf es nicht tun? Es ist gemein gegen andere? Es ist lebensgefährlich? Is‘ mir egal, ich will aber! Also knubbeln sich Tausende an der Schinkenstraße und auf der Rodelpiste. Was will man erwarten in einer Zeit, in der es als Ideal gilt, nicht erwachsen werden zu wollen, und ein im Geiste Fünfjähriger im Weißen Haus sitzt?

Verstandeskrise. Stell dir vor, tausend Leute sterben, und ein Typ sagt in die Kamera: „Ich glaube die Zahlen nicht.“ Journalismuskrise: Der Typ hinter der Kamera sendet das auch noch zur Primetime.

Irrsinnskrise. Nee, schon klar: An allem „sind die Eliten schuld“. Bill Gates. Angela Merkel. Die EU. Oder alle zusammen. Das Land, in dem Wuhan liegt, wird komischerweise selten genannt (vielleicht, weil es so querdenkerfreundliche Sachen wie Feng Shui erfunden hat). Unter dem Namen „QAnon“ wurde sogar die seit 1945 eingemottete „Ritualmord-Legende“ reaktiviert („dunkle Kreise saugen Kindern das Blut aus“). Wie tief kann die Menschheit eigentlich noch sinken?

Diskurskrise. Muss man mit diesen Leuten nicht reden? Ihnen zuhören? Ein Freund von mir hat das versucht. Er ist Physiker, ein messerscharfer Denker; keiner, der blind der Regierung nachrennt. Man muss sich auf die Kritiker einlassen, dachte er. Den eigenen Standpunkt deutlich machen. Einigung anstreben. Er erfuhr: Es ist zwecklos. „Du dringst nicht durch. Am Ende schauen sie einen milde lächelnd an und sagen: »So, so – du glaubst also auch, was sie dir erzählen.«“ Hier zeigt sich, was „Querdenken“ bedeutet: Sich in der Überzeugung zu sonnen, etwas Besseres zu sein.

Werden wir also das Virus je los? Impfstoff hin oder her: Wenn das alles so weitergeht, nicht. Wer hat gesiegt im Kampf des Es gegen das Wir? Das Ich hat gewonnen.