Die Gammler vom Kaiserbrunnen
Sammlung Klaus Berger
Die Bonner Beat-Band „Guards“ neben ihrem Tourbus auf der Friedrichstraße.

Bonner Musikszene In den 1960er Jahren schwappte die Beatmusik aus London und Liverpool nach Europa. Auch in die Bundesstadt,

wo die Bands und Fans besonders aktiv waren. Klaus Berger aus Beuel hat sich dieser Ära verschrieben und erinnert sich

Von Sofia Grillo

Es war eine Zeit, als man „dufte“ statt „cool“ sagte, Männer mit langen Haaren „Gammler“ waren, Eltern sich über die Musik echauffierten und der Initiationsritus für Erstsemester in Bonn darin bestand, eine Runde im Kaiserbrunnen zu schwimmen. In den 60er Jahren hatte sich die Bonner Jugend der Beatmusik verschrieben. An das Lebensgefühl dieser Zeit, die Bonner Bands der Beatszene, die Auftrittsorte und Konzerte erinnert der Beueler Klaus Berger noch heute auf seiner Homepage www.bn-beat.de.

Berger war damals Gitarrist in der Bonner Beat-Band Pinky Blue und somit mittendrin im Geschehen. Die Initialzündung für seine Begeisterung für die Szene kam beim Schmücken des Weihnachtsbaums 1960: Im Radio lief „Peggy Sue“ von Buddy Holly. Und von da an war es um Klaus Berger geschehen. Er kaufte sich eine Gitarre, gründete eine Band und machte fortan Musik. Die Beatszene in Bonn bestimmte seine Jugend. „Permanent hing Musik in der Luft“, erinnert sich Berger. Für ihn war es die Zeit der ersten Liebe, eingebettet in eine musikalische Welt, an der er deswegen bis heute hängt.

„Wir waren damals Schülerbands, teilweise grauenhafte Amateure“, so Berger. Mit teilweise nicht minder grauenhaftem Englisch. Angefangen habe es mit der Beatszene in Bonn Anfang der 60er Jahre. „Vorher gab es eher Jazz-Bands, die aber dann in die Beatszene reinwuchsen, weil die Musik so nachgefragt war“, sagt Berger. Und bald wurde die Musik zum Trend, der die gesamte Jugend Bonns erreichte. Berger: „Wer Musik machte, der machte Beat.“ Und wer Beat machte, war angesagt. Idealerweise war man zwar Engländer und gehörte solchen Bands wie den Beatles, Rolling Stones oder Kinks an. Aber im Zweifelsfall tat´s auch der bönnsche Jung.

Die großen Idole der Szene kamen nämlich nicht nach Bonn – mit einer Ausnahme. Die Kinks spielten am 21. Januar 1967 im Bonner Bürgerverein. Das war ein Erlebnis, das Berger nie vergessen wird. „Die Band beherrschte damals die britischen Charts. Ich habe mich lange auf das Konzert gefreut und habe mir meine Karte damals bei Radio Bonn gekauft“, erzählt Berger. Er kann sich noch daran erinnern, dass am selben Tag Konrad Adenauer zwei Etagen höher im selben Gebäude eine Versammlung abhielt. „Da hat es wohl Probleme mit der Akustik gegeben“, so Berger. Das Konzert war ausverkauft, der Andrang groß. „Am Eingang ging sogar eine Glastür zu Bruch“, berichtet Berger, als sei der Auftritt der Idole gestern gewesen.

Der Sog der Beatszene in Bonn war auch deswegen so groß, weil die Jugend zu einer großen Gemeinschaft zusammenwuchs, so Berger. „Die Gesichter bei den Konzerten waren bekannt.“ Das lag vor allem daran, dass die Einwohnerzahl Bonns damals noch überschaubar war. Die damalige Bundeshauptstadt sah in den 60er Jahren räumlich anders aus: Sie hatte 138 000 Einwohner, und die heutigen Stadtbezirke Bad Godesberg und Beuel waren noch selbstständig.

Jeden Samstag und jeden Sonntag spielte irgendwo eine Gruppe in Bonn. Bühnen gab es zuhauf. „Der Beat-Boom in den 60ern führte dazu, dass die Bands überall auftraten, wo man ein Schlagzeug und ein paar Boxen hinstellen konnte“, schreibt Berger auf seiner Internetseite. Dort zählt er mehr als 80 Orte auf, wo Auftritte stattfanden. Gespielt wurde beispielsweise in der Offenen Tür St. Cassius (OT), im Piccadily, im Tucher Keller, im 1600 Club oder im Bonner Bürgerverein.

Der Bus Stop war ein zweiter Beatclub im Bürgerverein. Ursprünglich war das eine alte Kegelbahn. Der Betreiber bot sie damals Niggi Lehmann, der danach das Session an der Gerhard-von-Are-Straße betrieben hat, und seinen Bandkollegen an. Lehmann: „Wir haben den Laden aufgemacht, damit wir einen Probenraum hatten und Musik machen konnten.“ Den angenehmen Nebeneffekt ihrer Entscheidung nahmen sie gerne in Kauf. „37 Pfennig kostete der Stubbi Kurfürstenpils im Einkauf, für 1,20 DM haben wir den verkauft, das gab richtig gutes Geld“, sagt Lehmann. Die Bandmitglieder bauten aus einem alten Bus die Sitze aus und stellten sie in ihrer Kneipe auf, bemalten alte Bettlaken und hängten sie auf. In ihrem Laden fühlten sich Beatfans und Beatmusiker wohl.

Der Club der OT war laut Berger einer der bekanntesten und auch beliebtesten Auftrittsorte in Bonn – und das nicht nur, weil er zentral gelegen und mit Bus und Bahn gut zu erreichen war. Solche OT-Räume wie an der Kölnstraße gab es damals in allen Stadtteilen. „Die Kommunen und die Kirchen versuchten, durch diese Einrichtungen die Jugendlichen von der Straße zu holen“, erinnert sich Berger. „Das damals effektivste Lockmittel war der Auftritt einer Beatband, zumal in den 60ern fast jeder Auftritt jeden Saal füllte.“

Der beliebte Auftrittsort OT St. Cassius wurde 1957 gegründet und befand sich zunächst an der Noeggerathstraße. 1960 zog er dann an die Kölnstraße. Zunächst spielten dort Jazz-Bands. Ab 1965 traten die ersten Beat-Bands im Erdgeschoss auf, „die sich am Kopfende des relativ kleinen Raums auf einer ebenso kleinen Bühne platzierten“, erinnert sich Berger. Der Raum gewann bei der Jugend immer mehr an Beliebtheit. Auf Bergers Homepage heißt es: „Obwohl der Saal der OT relativ klein ist, wurden teilweise bis zu 400 Eintrittskarten verkauft – mit der Folge, dass die Besucher bis auf die Straße Schlange standen und viele gar nicht erst reinkamen.“

Der Club Piccadilly befand sich schräg gegenüber vom Bonner Hauptbahnhof, links neben den DAB-Stuben: „Von der Straße kommend, ging es im Eingangsbereich des Hauses rechts ins Lokal, das ein sich nach hinten ziehender Schlauch war. Ursprünglich am Kopfende gelegen, befand sich die Bühne – später gegenüber der Theke, die links vom Eingang stand“, erinnert sich Berger. Hier spielten nicht nur regionale, sondern auch internationale Bands.

In Bonn und der Region haben sich zu dieser Zeit unzählige Beat-Bands gegründet. Klaus Berger hat mehr als 100 Gruppen auf seiner Internetseite aufgelistet und erzählt ihre Geschichten. Zu den großen lokalen Bands zählten die Guards, die 1965 von den Schülern Karl-Heinz Schwamborn, Matthias Bauer, Ulrich Schicke und Ronald Gimpel gegründet wurden. Ihr Probenraum war in einem Gewölbekeller eines Hauses an der Friedrichstraße, der bald zum Übungs- und Partykeller ausgebaut wurde. Am 1. Januar 1966 hatten die Jungs dann ihren ersten Auftritt. Es folgten unzählige weitere. „Bei dem am 4. Juni 1966 im Bonner Bürgerverein ausgetragenen Beatfestival spielten sich die Guards auf den ersten Platz“, so Berger. Die waren bald aus den Clubs in und um Bonn nicht mehr wegzudenken und bekamen Gagen bis zu 440 Mark. Erste Bonner Profiband waren die Beatniks, „, und zwar schon Mitte der 60er“, sagt Berger.

Am 28. Dezember 1968 erfolgte ein wichtiger Schritt im Werdegang der Band, deren Besetzung sich in der Zwischenzeit um Mitglieder der Bonner Band Take5 erweitert hatte: „Die Guards schlossen einen Managementvertrag mit Roger Horné ab, der sie professionell vermarkten sollte.“ Die Band verschaffte sich überregionale Aufmerksamkeit und hatte unter anderem einen Gastauftritt bei Radio Luxemburg. Zwischenzeitlich war auch die schon lange angekündigte Single der Guards erschienen. 1969 kam es zu dem bisher bedeutendsten Auftritt der Gruppe: Am 28. Juni fuhren sie nach Zürich zu Fernsehaufnahmen für das schweizerische Fernsehen, führt Berger auf.

„Irgendwann ging es für die Band um die Frage, ob sie die Musik professionell weitermachen wollen oder ob sie ins Arbeitsleben einsteigen“, erinnert sich Berger. Die Musiker entschieden sich für die zweite Variante. Ihr letztes Konzert spielten sie im Juni 1970 in der Bad Godesberger Stadthalle.

1966 gründeten die Ückesdorfer Jungs Alfred „Fredy“ Endres, Ronald Gimpel, Ulrich Johannson, Rudolf Oldenburg und Rudolf „Rudi“ Haubold die Band „ Concentric Movement “. Es dauerte nicht lange, und die Gruppe wurde ein fester Bestandteil im Programm des Clubs der OT. Die Band ging oft als Sieger bei zahlreichen Beatfestivals der Region hervor. „Das zog Auftritte nach sich, unter anderem in der Rheinhalle Düsseldorf, in der Rhein-Mosel-Halle in Koblenz sowie in der Bonner Beethovenhalle.“ Die Band entwickelte sich zu einer der beliebtesten im Rheinland. Der WDR zeichnete 1970 einen Film mit ihr in neuer Besetzung auf, und im selben Jahr nahmen die Musiker eine Single auf. Kurz darauf lösten sich Concentric Movement jedoch auf.

Die Desperados waren eine Bad Godesberger Formation und eine der ersten Beatbands im Bonner Raum. Vorher waren die vier Musiker Hans-Georg Rehse, Jonny Jasin, Jens Hoffmeister und Georg Krause-Wichmann unter den Namen Taifuns und Beatures bekannt. 1962 begannen sie als Klassenkameraden, gemeinsam Musik zu machen. 1963 holten sie sich Mike Trösser als Sänger hinzu. Nach den ersten Auftritten folgten unzählige Gigs bei Beatfestivals und auf den Bühnen der Bonner Clubs. Berger: „Einen ganz großen Tag hatten die Desperados am 21. Januar 1967, als sie neben anderen Bands auf den Brettern des Bonner Bürgervereins das Vorprogramm für die britische Band Kinks gestalteten.“ Als Hans-Georg Rehse und Georg Krause-Wichmann 1969 Bonn nach München verließen, war das Ende der Band aber besiegelt.

Sehen und gesehen werden – darum ging es den Jugendlichen nicht nur bei den Konzerten, sondern auch im Alltag nach der Schule, so Berger. Dafür gab es zwei Treffpunkte. „Das war zum einen das sogenannte Information (das wurde englisch ausgesprochen) gegenüber dem Hauptbahnhof, wo man nach der Schule auf dem Heimweg noch ein bisschen rumhängen konnte“, schreibt Berger. Dabei handelte es sich um eine Informationsstelle der Stadt und der Verkehrsbetriebe mit einer überdachten Wartemöglichkeit auf Bus und Bahn.

Zum anderen war der Brunnen am Kaiserplatz gegenüber der Kaiserhalle ein Treffpunkt. Die Jugendlichen saßen auf der Steineinfassung und unterhielten sich über Konzerte. „Hier ging es für mich jeden Nachmittag hin“, sagt Berger. „Da – der damaligen Haarmode entsprechend – zumeist langhaarige Jugendliche sich dort aufhielten, wurde der Kaiserbrunnen von den Erwachsenen auch gerne als Gammler-Treffpunkt bezeichnet. Schaumpartys gab es damals zwar noch nicht, Waschpulverpackungen wurden aber immer wieder in den Brunnen geschüttet. Auch das Nacktbaden wurde im Kaiserbrunnen oft geübt.“ Mit der Neugestaltung des Bahnhofsvorplatzes und dem Bau der U-Bahn wurden sowohl das Information als auch die Kaiserhalle Anfang der 70er abgerissen. Den Brunnen gibt es heute noch, er wurde jedoch um einige Meter in Richtung Uni verschoben.

Die Beatszene in Bonn fand Anfang der 70er Jahre dann ihr Ende. Viele der Bandmitglieder konzentrierten sich auf ihre berufliche Ausbildung oder zogen aus Bonn weg, so Berger. „Die Diskotheken kamen auf und ersetzten die Live-Konzerte. Das war für die Veranstalter auch wesentlich günstiger, schließlich mussten sie keine Gagen mehr bezahlen.“ Hier und da gab es noch Beat-Konzerte, es wurden aber immer weniger.